Lesen auf Deutsch

Juli 18, 2018

Senf zum Mittwoch #32

Ich muss was gestehen. Es ist 2012 etwas passiert – als ich begonnen habe, meinen ersten Roman zu schreiben, als ich meinen ersten E-Reader bekam… Seitdem tue ich mich schwer, deutsche Romane zu lesen. Ich wurde „fachblind“, ja, so nenne ich das. Und es passiert mir nicht zum ersten Mal.

“Tunnelblick” oder “fachblind” heiße ich das, wenn ich Ausstellungen besuche oder deutsche Bücher lese. @pixabay

Wie ich schon mal erwähnt habe, komme ich aus dem Museumsbereich. Jahrelang habe ich Ausstellungen gemacht – und das hat dazu geführt, dass ich keine mehr genießen konnte. Wenn ich eine Ausstellung besuchte, hatte ich diesen Tunnelblick. Ich nahm sie nur mehr aus der Warte der Ausstellungsmacherin wahr. Wie wirkt die Ausstellung? Welche Beleuchtung wurde hier benutzt? Wie sind die Objekte ausgestellt? Sind die Ausstellungstexte zu kompliziert, zu lang oder gerade richtig? Sind sie groß genug geschrieben? Das haben sie gut gemacht, hier haben sie mich überrascht, das hätte ich besser hingekriegt, das hätte ich auch nicht bedacht, usw. usw. usw. Kurz gesagt: Ich war im Arbeitsmodus. Fachblind eben.

Und dann passierte mir das auch beim Lesen! Beim Lesen!!!! Etwas, was ich von klein auf mit Leidenschaft betreibe, wie ich schon im vorigen Blogbeitrag erzählt habe. Ich meine, ich habe schon seit je her so meine Eigenheiten, die in anderen Leserinnen und Lesern nur ein entrüstetes Kopfschütteln hervorbringen. So habe ich Phasen. Ich las jahrelang nur Märchen und Sagen, dann jahrelang nur Krimi und Thriller, wieder jahrelang nur Bücher von Frauen geschrieben, wieder jahrelang nur Fantasy. Monokultur pur. Die gute Nachricht. Das ist jetzt vorbei. Ich schaffe, Genres zu wechseln, mich nicht auf eines festzulegen.

Wenn etwas, was man inder Freizeit gerne tut, auch zur Arbeit wird, dann ist das nicht immer so leicht… @pixabay

Die andere Eigenheit ist, dass ich Happy Ends vorziehe. Das geht so weit, dass ich nach dem ersten Kapitel das Ende lese. Ja, ich weiß, Sakrileg. Und wenn mir das Ende nicht gefällt, lege ich das Buch gleich ganz weg, lese es nicht zu Ende. Für viele das nächste Sakrileg. Aber schließlich ist das meine Zeit, nicht wahr? Und die Zeiten, als ich froh sein musste, ein Buch in der Hand zu halten, sind vorbei. Die Auswahl ist groß und ich gehe weiter zu einem, das mir eher entspricht.

Wie ich finde, dass ich nicht für jeden Geschmack schreiben kann, erwarte ich auch nicht, dass jedes Buch meinen Geschmack treffen muss. Und nur weil ich ein Buch nicht weiterlesen möchte, heißt das ja nicht, dass es schlecht ist. Ist halt nicht mein Geschmack.  

Bücher müssen nicht jeden Geschmack treffen – das sagt nichts über ihre Qualität aus. @pixabay

Früher, als ich noch nicht so viel Zugriff auf Bücher hatte, habe ich jedes Buch zu Ende gelesen und mir abends vor dem Schlafen vorgestellt, wie ich die Geschichte geschrieben hätte. Wie hätte ich sie aufgebaut, wie hätten die Protas und ihr Umfeld reagiert, wie hätte ich sie enden lassen? Dieses Ende behielt ich dann im Gedächtnis, das andere löschte ich. Heute bin ich zu fachblind dazu. Selbst Bücher zu schreiben hat mir das versaut.

Mein Ausweg? Ich lese auf Englisch, manchmal Italienisch, selten Französisch, aber am liebsten auf Englisch. Da gibt mir die andere Sprache die nötige Distanz, um mich auf den Roman einzulassen. Da kann ich das Buch genießen, ohne dass sich mein Tunnelblick einschaltet.

Mein Ausweg aus der “Fachblindheit” war Lesen auf Englisch… @pixabay

„Das hätte sie anders formulieren können“, fällt weg. Was bleibt, ist, dass ich Happy Ends brauche, die Protas nicht plötzlich aus dem Charakter fallen dürfen, das Buch nicht nur aus Liebe und Sex besteht, aber auch nicht nur Gewalt enthält und mir die Spannung erhält. Ach ja, und ich liebe Fortsetzungen… Aber eben am liebsten auf Englisch ohne Fachblindheit.

Geht das nur mir so?

Na ja, das war mein Senf zum Mittwoch 😉

@stellajante

2 Antworten auf Lesen auf Deutsch

  • Hi Stella,
    Tunnelblick nennst du das also. Wie gut ich das nachempfinden kann! Ohne “Museumsvergangenheit” weiß ich doch, wie sich das anfühlt, wenn man nicht mehr einfach nur liest, sondern einem jeder kleine Rechtschreibfehler, jeder falsche Bezug, Dativ statt Genitiv und schräge Formulierungen direkt ins Gesicht springen. Bis vor drei Jahren war mir das gelinde gesagt wurscht. Dann habe ich angefangen hobbymäßig ein paar Texte zu kommentieren – und da war es geschehen. Inzwischen habe ich eine andere Technik als du gefunden: Einfach den Oberlehrer im Kopf abschalten. Ganz und komplett…nur lesen, Inhalt aufnehmen, Charaktere entschlüsseln, mich in ferne Welten ziehen lassen. Das klappt genauso wie man auch dienstlich nüchtern-sachliche Geschäftsbriefe schreiben kann und nach Feierabend freundliche, launische, herzliche, alberne, übermütige … Briefe, Mails und Chats verfasst.
    Nur ganz wenige Bücher habe ich auf Englisch gelesen (das letzte war die Autobiographie von Keith Richards “Life”), dafür mag ich die deutsche Sprache mit ihren unendlichen Ausdrucksmöglichkeiten zu sehr. Sogar wenn eine Autorin oder ein Autor ihr stellenweise arg Gewalt antut – was soll’s, Manche Politiker, Mediengrößen und andere rhetorischen Überflieger machen das täglich, die Sprache hält es aus.
    Aber das Ende eines Buches lesen, bevor es da ist…naja, ich möchte nicht sagen, dass ich es noch nie gemacht habe, aber es ist lange her. Wenn ein Buch mir nicht gefällt, dann kann das auch das Ende nicht retten. Es kommt einfach weg, in die Datei “Weggelegt” auf meinem eBook Reader. Vielleicht war es nicht die richtige Zeit dafür…Jedenfalls hat sich jemand Mühe gemacht, es zu schreiben und zu veröffentlichen. Zumindest das erkenne ich an.
    Allerdings gebe ich dir bei zwei Aussagen völlig recht: “Es ist meine Zeit, die ich mit Lesen verbringe” und die ist zu wertvoll um sie zu verschwenden und: “Nicht jedes Buch muss meinen Geschmack treffen” – ich muss und kann aber auch nicht jedes Buch lesen…
    Wahr bleibt jedoch immer, was Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach mit drei Wörtern umfassend ausdrückt: “Lesen ist ein Wunder.”

    • Sooooo ein schöner Kommentar, lieber Roger!
      Ja, das bist du mir voraus, ich schaffe das auf Deutsch mal nicht. Die Autorin in mir ausschalten, werde es probieren. Habe ja Steffis Bücher im Sommer vor mir und möchte das unbedingt genießen!
      Ja, das Weglegen für einen eventuell richtigen Zeitpunkt, das kenne ich auch.
      Ich weiß, ich weiß, das mit dem Ende lesen ist eine schlechte Angewohnheit, wobei ich dir recht gebe, dass manchmal nicht einmal das richtige Ende meine Aufmerksamkeit retten kann. Wie gesagt, das sagt nix über die Qualität und den Arbeitsaufwand aus. Vor allem zweiterer, da sind wir einer Meinung, ist auf alle Fälle gegeben.
      Und während ich da zwei, drei Beiträge zum Lesen verfasse, bringt es die gute Ebner-Eschenbach auf den Punkt, besser gesagt auf drei… Lesen ist ein Wunder. Jaaaaa.

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