Fenster zur Vergangenheit: Margareten-Lied

Juni 23, 2018

Die Sage zum Wochenende #3

Heute erzähle ich euch von einer Sage, die eigentlich weitaus mehr ist… Es geht um das älteste erhaltene rätoromanische Lied „La canzun de sontga Margriata“, das Margareten-Lied.

Wie ich ja schon in meiner Liebeserklärungen zu den Sagen erzählt habe, sind sie für mich Fenster zu vergangenen Weltanschauungen und diese hier – in einem Lied verpackt – ist der beste Beweis dafür.

Zum ersten Mal darauf gestoßen bin ich 2006, als ich eine Ausstellung zum Thema „Göttin – Hexe – Heilerin. Eine Kulturgeschichte weiblicher Magie“ im Frauenmuseum Meran organisierte. Scheinbar im frühen Mittelalter entstanden und noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts auf den Feldern gesungen, wurde es in den 1960er Jahren vom damaligen Bischof von Chur und begeisterten Volkskundler Christian Caminada wieder entdeckt.

Schon Caminada, aber auch alle Expertinnen von heute sind davon überzeugt, dass die Heilige Margareta von Antiochien die Aufgabe hatte, die heidnischen Fruchtbarkeitsgöttinnen zu vertreiben  – und eine davon ist die hier besungene Margriata. So wurde zwar die Hauptperson zwar nach der Heiligen benannt, aber eigentlich geht es bei ihr um ein ganz altes Wesen. In meinem damaligen Ausstellungkatalog schrieb ich damals.

… vielmehr Alpengeist, der im Winter Almhütten, im Sommer in Wäldern und Grotten wohnt, Schätze hütet, Unwetter macht und bei Störungen mit Rückzug oder Rache reagiert. Dies und das Ende ihres Namens verweisen auch sehr stark auf die Alpengöttin Reithia.
(„Göttin – Hexe – Heilerin. Eine Kulturgeschichte weiblicher Magie“, Ausstellungkatalog zur gleichnamigen Ausstellung im Frauenmuseum Meran, 2006)

Aber bevor ich euch mehr davon erzähle, hier das Lied auf Deutsch direkt von Caminadas Buch, das es inzwischen nur mehr in den Bibliotheken gibt:  

Die heilige Margreth war sieben Sommer auf der Alp,
Weniger fünfzehn Tage.
Sie ging einmal den Staffel herab.
Und fiel auf eine böse Platte von Stein,
Das sich entdeckte des Busens Schein.
Der Hirtenbube hat es gemerkt:
«Das muss unser Senne wissen,
Welch glückselig Maid wir besitzen»

«Und wenn der Senne es nicht muss wissen,
So will ich drei schöne Hemden dir geben,
Die weisser werden, je mehr du sie bestäubst.»
«Das will ich nicht, das nehm’ ich nicht,
Das muss unser Senne wissen,
Welch glückselige Maid wir besitzen.»

«Und wenn der Senne es nicht wissen muss,
So will ich drei schöne Schafe dir geben,
Die du scheren kannst dreimal des Jahres,
Und jede Schur gibt vierundzwanzig Krinnen Wolle.»
«Das will ich nicht, das nehm’ ich nicht,
Das muss unser Senne wissen,
Welch glückselige Maid wir besitzen.»

«Und wenn der Senne es nicht wissen muss,
Dann will ich drei schöne Braunkühe dir geben,
Die du melken kannst dreimal des Tages,
Und jedesmal den Eimer voll Milch.»
«Das will ich nicht, das nehm’ ich nicht,
Das muss unser Senne wissen,
Welch glückselige Maid wir besitzen.»

«Und wenn der Senne es nicht wissen muss,
Dann will ich einen schönen Anger dir geben,
Wo du mähen kannst dreimal des Jahres,
Und einen grossen Heustock jedesmal.»
«Das will ich nicht, das nehm’ ich nicht,
Das muss unser Senne wissen,
Welch glückselige Maid wir besitzen.»

«Und wenn der Senne es nicht wissen muss,
So will ich eine schöne Mühle dir geben,
Die tags Roggen mahlt und nachts Weizen,
Ohne einmal aufzuschütten.»
«Das will ich nicht, das nehm’ ich nicht,
Das muss unser Senne wissen,
Welch glückselige Maid wir besitzen.»

«Und wenn der Senne es wissen muss,
Dann sinke in den Grund bis zum Halse!»
«O gute heilige Margrethe,
O hilf mir doch empor!
Das soll unser Senne nicht wissen.»
Sie half ihm empor, er aber hob an:
«Das muss unser Senne wissen,
Welch glückselige Jungfrau wir besitzen.»

«Und wenn der Senne es wissen muss,
Dann sollst du drei Klafter versinken.»
Dann scheidet die heilige Margreth schnell
Und bietet ringsum Lebewohl.
«Leb wohl, du mein guter Senne!
Lebe wohl, du mein Alpkessel,
Lebe wohl, du mein Butterfass,
Lebe wohl, du mein kleiner Herd,
Allwo ich die Schlafstatt hatte,
– Warum tatest du das, guter Hirtenknabe?
– Lebt wohl, meine guten Kühe.
Euch wird die Milch vertrocknen,
Ach, lebe wohl, lebe wohl ringsumher!
Weiss Gott, wann ich einmal wiederkehr!»

Dann ging sie über den Kunkels hinaus,
Der Milchkessel nach, und nach die Kühe,
So weit sie noch die Scheidende schauten,
Haben sie zu weinen nicht nachgelassen.
Dann kam sie vorbei an einem Bronn
Und sang: «O Bronn, o kleiner Bronn,
Wenn ich von dannen gehe,
So wirst du gewiss vertrocknen!»
Und vertrocknet ist der Bronn.
Dann ging sie über eine Halde hinaus
Und sang: «O Halde, o traute Halde,
Wenn ich von dannen gehe,
So wirst du gewiss verdorren.»
Und verdorrt ist die Halde.
«Ach gute Kräuter,
Wenn ich von dannen gehe,
Verdorrt ihr und grünt wohl nimmermehr.»
Und verdorrt sind die Kräuter und grünen nimmermehr.
Unter der Glocke Sankt Jörgs und Sankt Galls
Ist die Maid vorübergezogen.
Da hat es geläutet so lauten Schalls,
Dass der Klöppel herausgeflogen.

(CAMINADA, Christianus: Die verzauberten Täler. Die urgeschichtlichen Kulte und Bräuche im alten Rätien. Walter-Verlag: Olten und Freiburg im Breisgau, 1961, S. 254 – 256)

Verstanden? Hier nochmals zusammengefasst von mir:

Die Heilige Margarethe arbeitet sieben Sommer lang auf der Alm mit, verkleidet als Mann. Im siebten Sommer – zwei Wochen vor dem Almabtrieb, passiert ihr etwas: Sie stolpert über einen „bösen Stein“, wobei sich ihre Brust entblößt.

Und der Hirtenjunge bekam das mit.

Der ist außer sich, dass eigentlich eine Frau seit sieben Jahren hier mitgearbeitet hat und sieht sich außerstande, das Geheimnis vor dem Senner zu bewahren, dem Verantwortlichen auf der Alm.

Im Lied führt die Jungfer eine Reihe von magischen Gaben auf, die sie ihm verspricht, um ihn von seinem Vorhaben, den Senn über ihre Weiblichkeit zu informieren, abzubringen. Als der sich nicht davon abbringen lässt, bekommt der Hirtenjunge ihre Macht auf negative Art und Weise zu spüren. Sie lässt ihn „drei Klafter in der Erde“ versinken. Aber damit nicht genug. Die Jungfer verlässt die Alm und mit ihrem Abschied verdorrt die Alm, trocknet das Wasser austrocknet, die Kühe geben keine Milch mehr und die Kirchenglocke hat so laut geschellt, dass der Klöppel der Glocke heraus gefallen ist.

 

Was steckt dahinter?

Wie gesagt, schon Caminada hat vermutet, dass in diesem Lied eine alte, mächtige Göttin der Berge verborgen ist. Aber fällt euch noch was auf? Dieses weibliche Wesen kann sehr viele Dinge, die auch von den Saligen, den weiblichen Saligengestalten, die bei uns in Südtirol so oft vorkommen, erzählt werden.  In einer meiner Sagen zum Wochenende habe ich euch schon eine Kostprobe davon gegeben, in vielen weiteren, die ich euch hoffentlich noch hier aufschreiben werde, wird euch passieren, dass die Gaben der Saligen euch an dieses Lied erinnern.

Die bayerische Expertin Erni Kutter geht noch einen Schritt weiter:

Das Margriata-Lied ist ein bewegendes Zeugnis einer Zeit, in der die Natur noch als beseelt galt und von weiblich-göttlichen Kräften durchwirkt wurde. Es schildert geradezu prophetisch, welche Folgen es hat, wenn Berg, Wald und Wiesen „säkularisiert“ und entheiligt werden. Der Mythos erinnert auch daran, dass die Almarbeit […] einst eine Domäne der Frauen war […]. Viele Sagen aus dem Vinschgau sprechen ebenfalls von solchen Kultur schaffenden Leistungen der Saligen Frauen, die Gämse wie Haustiere hüten und die Frauen lehren, Flachs und Schwarzplenten (Buchweizen) anzubauen.

(Kutter Erni: Heilige Weibsbilder. Gelehrt, eigenwillig, streitbar. Edition Raetia: Bozen, 2014, S. 79)

Das war sie auch schon, meine Sage zum Wochenende. Wer das Lied aber auf Rätoromanisch noch hören möchte, kann noch einen Blick hier rein werfen:

 

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2 Antworten auf Fenster zur Vergangenheit: Margareten-Lied

  • Die Sage ist wunderschön. Die Erklärungen auch, obwohl man die Lyrik auch so versteht, wenn man nicht nur mit den Augen liest…
    Die Fotos illustrieren das Geschehen toll: Erst ist alles friedlich, lebendig und gut, dann verdorrt, abgestorben, tot.
    Der Höhepunkt ist der Clip mit dem Liedvortrag…Text, Sprache, Interpretin, Hintergrund…eine Einheit.
    Fazit: Solche Juwelen dürfen nie verloren gehen. Schön, dass du mit deiner Seite dazu beiträgst, dass auch “Nordländer” davon erfahren.

    • Hallo Roger,
      ich finde das auch. Aber sicherheitshalber habe ich sie nochmals mit meinen Worten erzählt…
      Super, dass die Fotos genau das wieder geben, was ich vermitteln wollte.
      Wir sind einer Meinung: Höhepunkt ist der Clip, wo das Lied vorgetragen wird.
      Freut mich, wenn “Nordländer” sich auch dafür interessieren 😉

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