Von unverstandenen Nörggelen von Pfitsch

Mai 26, 2018

Die Sage zum Wochenende #2

Ja, es passiert. Vor allem die Protas aus Fantasygeschichten, die aus der Sagenwelt kommen, können aus dem Buch heraus springen und dich als Autorin angehen. So passiert am letzten Mittwoch. Das Nörggele, Prota aus der Geschichtenerzählerin, hat mir ein Versprechen abgerungen und wer nur ein bisschen die Natur eines Nörggele kennt, weiß, dass man es besser hält, wenn man nicht ständig auf seinem Kicker sein möchte…

Aber natürlich ist es da nahe liegend, dass ich euch zur Sage am Wochenende eine über sein Volk erzähle, nicht wahr? Und so, wie ich es erzähle, wird es dem Nörggele sicher gefallen, das weiß ich… Die Sage ist die:

Alle wissen, dass die Nörggelen im Pfitscher Tal wohnen. Wer nicht einmal weiß, wo Pfitsch ist: ein von Sterzing in die Zillertaler Alpen hinein reichendes Tal, also an der Grenze zum heutigen Österreich.

Vom Zillertal sollen sie auch hergekommen sein, die Nörggelen, aber sie hatten keinen guten Ruf. „Bösartig“ wurden sie bezeichnet. Sie hätten die Bauern belästigt, wo sie nur konnten, aber am liebsten die Bäuerinnen im Haushalt.

Eine besondere Vorliebe hatten diese Nörggelen für die Dirnen. So weiß man, dass sie ihnen beim Melken die Hocker unter dem Hintern weggezogen hatten. Aber nicht genug, sie gaben ihnen auch gar kräftige Klapse, die der einen oder anderen richtig wehtaten. Auch wenn man diese kleinen Kobolde nie zu fassen bekam, wusste man genau, dass sie hinter diesen Schandtaten steckten. Das hämische Lachen und Gekicher in ihren Verstecken verriet sie.

Laut Sage waren die Nörggelen aber auch manchmal „guter Laune“. An solchen Tagen verrichteten sie die ganze Stallarbeit, wie es sich gehörte. Und lachten wieder laut auf, als die Mägde umsonst so früh aufgestanden waren, um die Arbeit zu erledigen. Verlassen konnten sich diese aber nie darauf, dass es die Nörggelen auch am nächsten Tag wieder taten.

Es wird sogar berichtet, dass eine Bäuerin im Hintertal derart unter den Streichen der „Wichte“, wie sie in der Sage auch geheißen werden, litt, dass sie den Verstand verlor.

Irgendwann hatten sie von ihren „bösen Streichen“ selbst genug und zogen weiter zur Wilden Kreuzspitze und dann scheinbar weiter zu einem See, den man wohl eine Zeit lang den „Norggensee“ hieß und möglicherweise dem „Wilden See“ von heute entspricht…    

Ich muss jetzt mal eine Lanze für das Wesen der Nörggelen brechen. Sie sind nicht „bösartig“. Natürlich sind ihre Streiche lästig, wenn man zu arbeiten oder viel zu tun hat. Aber nicht umsonst habe ich das Nörggele in der Geschichtenerzählerin als einen liebenswerten Charakter mit ein paar Ecken gezeichnet.

Sie sind wie Kobolde, denen es in der Natur liegt, mit anderen Wesen in Kontakt zu treten, indem sie sie necken. Und das richtige Wort dafür ist wirklich „necken“, denn sie denken sich nichts dabei. Wie kleine Kinder, die nicht wissen, dass der Spaß zu Ende ist, wenn es der andere nicht mehr lustig empfindet. Je größer die Aufregung, umso mehr findet sie es zum Lachen.

Dass jemand dabei seinen Verstand verliert, hat wahrscheinlich mehr damit zu tun, dass diese Person auch sonst sehr belastet war, denn das Nörggele kann sehr wohl auch hilfreich sein, wie die Sage beschreibt. Denn zu früh aufzustehen und zu sehen, dass die eigene Arbeit schon erledigt worden ist, kann mich natürlich ärgern, weil ich umsonst aufgestanden bin, aber vielleicht auch nur mich zum Lächeln bringen, die Achseln zucken lassen und schnurstracks wieder ins Bett gehen, um eine unverhoffte halbe Stunde oder ganze Stunde mehr zu rasten.

Bestellen kann man natürlich das bei einem Nörggele nicht. Aber wahr ist, dass das Nörggele auch seinen Spaß verliert mit dem Necken, wenn man nicht groß zetert und schreit. Und es kann durchaus sein, dass es Lust bekommt, dir mehr zu helfen, als dir einen Streich zu spielen…    

Die Nörggelen sind, wie sie sind. Wie wir damit umgehen, macht es aus. Wie vielleicht auch sonst mit allen Unannehmlichkeiten, die uns im Leben passieren, nicht wahr?

Diese Sage habe ich nacherzählt laut der Version der unerschöpflichen Datenbank von sagen.at. Aufgeschrieben hat sie der Volkskundler und Radiojournalist Hans Fink (1912-2003) im Schlernheft Nr. 164 im Jahre 1957 in einem Beitrag auf Seite 40 mit Namen „Eisacktaler Sagen, Bräuche und Ausdrücke“. Fink hat sein Leben lang der Geschichte und der Volkskunde Südtirols gewidmet und war Herausgeber vieler Sagensammlungen und Volkserzählungen.  

Eine Antwort auf Von unverstandenen Nörggelen von Pfitsch

  • Warum sollen Nörggelen nicht auch kompliziert, lästig, nervig sein dürfen? Wo sie doch auch hilfsbereit, gutherzig und überaus schlau sind? Wie wir Menschen halt auch, zumindest manche von uns.
    Vielleicht sind die Nörggelen ja sogar mit unseren Heinzelmännchen von Köln verwandt hier im Rheinland, die auch gerne mal die Arbeit der Menschen erledigen?
    Das Schöne an solchen Sagen ist ja auch, dass die sagenhaften Figuren in der Phantasie von Kindern und Erwachsenen leben und je nach Überlieferung etwas anders dargestellt werden. Schillernd wie Seifenblasen sind sie und genau so schnell verschwunden, wenn man ihnen zu nahe rückt.

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