Von einem Weißdorn und den Feen

April 18, 2018

Der Senf zum Mittwoch #20

Es war einmal … nicht ein Märchen, sondern eine wahre Geschichte. In Irland hat man nie aufgehört, an Feen, Leprechaun und Co. zu glauben. Nicht umsonst lasse ich neben den Sagengestalten (Süd-)Tirols auch die irischen in meiner Geschichtenerzählerin-Trilogie wieder aufleben. Bis heute noch wird die Anderswelt bzw. der Glaube daran respektiert.

Das beweist die wahre Geschichte von 1999 in County Clare, in einem der Bezirke der südwestlichen Küste Irlands. Man wollte die alte Nationalstraße zwischen Limerick und Galway erneuern und ausbauen. Als man dabei auf der Trasse in Latoon bei Newmarket-on-Fergus in einem Feld einen alten, kleinen Weißdornbaum fällen wollte, stellte sich dem der im Land schon als Geschichtenerzähler und Experte irischer Mythen bekannte und durchaus ernst genommene Edmund Lenihan in den Weg und erregte internationales Aufsehen.

Die „New York Times“ beschrieb es am 16.6.1999 so:

Eddie Lenihan, ein schmaler Mann mit schwarzen, ungezähmten Bar, twilden Haaren auf dem Kopf und einem intensiven Blick in den Augen, zeigte auf den hohen Weißdornbusch in Blüte […] und warnte die lokalen Behörden. Wenn sie den Busch für die geplante Straße niederwälzen, würden die Feen kommen. Die Straße verfluchen und allen, die sie nutzen, würden ihre Bremsen versagen und die Autos zusammenkrachen. Für dieses Treiben seien die verschmitzten Feen berühmt, wenn sie zornig würden. Und das würden sie oft.

Das sei so, meinte er, weil dieser spezielle Weißdorn ein Feenbaum sei […]. Ein ansässiger Bauer, der weißes Feenblut rund um den Busch gesehen hätte, habe ihm diese Geschichte erzählt.   

Der britischen „Independent“ erzählte er weiterhin:

Das ist der Ort, an dem die Feen von Kerry üblicherweise halten, um ihre nächsten Schritte zu überlegen, bevor sie zum Kampf mit den Feen von Galway aufbrechen. Es ist ein Ruheplatz […] für das Kleine Volk.

Und ab jetzt wird es spannend! Der Rest der Geschichte kann wahrscheinlich nur in Irland passieren: Lenihan wurde nicht etwa mit Gewalt vom Grundstück entfernt und in ein Gefängnis oder vielleicht sogar eine Psychiatrie gesteckt, nein, die Straßenplaner nahmen ihn ernst und die Ratsversammlung des Bezirks erklärte, dass sie imstande seien, um den „sceach“, den Dornenstrauch, die Umgehungsstraße zu bauen. Zwar müssen jetzt die Feen die vielbefahrene Autobahn überqueren, wenn sie zu ihrem Rastplatz möchten, aber der Weißdornbaum blieb erhalten.   

Ach ja, es gab noch eine kleine Nachgeschichte: Im Jahr 2002 griff jemand in der Nacht den Baum mit einer Kettensäge an, aber schnitt nur die Äste ab. Der Baum wuchs wieder nach, der Schuldige wurde nie gefunden, aber laut dem Feen-Wissen droht dem, der den Baum beschnitten hat, dass er nie wieder eine Nacht durchschlafen würde…

Derweilen haben so manche Iren bis heute immer wieder mal eine „fairy“ (Fee) oder einen Leprechaun gesehen, aber nur die, die nicht zu skeptisch waren 😉 Lenihan meint dazu:

Wenn du an die Anderswelt des Christentums glaubst, wie kannst du den Glauben an die Anderswelt der Feen angreifen?

6 Antworten auf Von einem Weißdorn und den Feen

  • Liebe Stella,
    dass das Leben die schönsten Geschichten schreibt, ist ja allgemein bekannt und dass die Iren große Geschichtenerzähler sind, auch. Wenn nun die Fairy-Legende um den Weißdorn mit realen Straßenplanungen kollidiert und dieser Konflikt durch einen Geschichtenerzähler gelöst wird, ist das durchaus berichtenswert. Aber wenn uns dieses Ereignis durch eine Südtiroler Geschichtenerzählerin nahe gebracht wird, ist das doch wieder einmal ein wunderbarer Senf zum Mittwoch.

    • Sooooo ein schöner Kommentar. Und auf den Punkt gebracht. Natürlich hat mich das fasziniert, was da ein Geschichtenerzähler geschafft hat! Und wie ernst der Feenort hier genommen wurde. Darüber zu schreiben hat mir unheimlich viel Freude gebracht!

  • schöner Bericht. Es gibt so viel zwischen Himmel und Erde, man muss es nur annehmen.

    • Mit dem Herzen sehen, nicht nur mit den Augen…darin könnte eine Erklärung liegen

      • Genau. Wir leben in einer Gesellschaft, in der die bevorzugte Art, in die Welt zu schauen, die ist, mit den Augen zu schauen. Derweilen schaut die Seele durch das Herz in die Welt. Für mich erstaunlich in dieser Geschichte ist nicht, dass es der alte Geschichtenerzähler tut, sondern dass er ernst genommen wird und alle seinem Beispiel folgen. Das finde ich soooo schön, dass ich es einfach hier nochmals erzählen musste.

    • Nicht wahr? So manches Mal klingt die wahre Geschichte wie ein Märchen. Es ist nur wichtig, es immer wieder und wieder zu erzählen. Es nicht in Vergessenheit geraten zu lassen…

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