Von Saligen, die nach 7 Jahren wieder gehen müssen

April 14, 2018

Die Sage zum Wochenende #1

Wie  in der Liebeserklärung an die Sagen versprochen, gibt es jetzt immer wieder mal die Sage zum Wochenende. 

Im Vinschgau im Südtirol wussten die Menschen lange Zeit, dass die Saligen in ihren Bergen Zuhause waren. So auch in Mals. In den Gebirgsschluchten in die Richtung der Schweizer Grenze habe es ein Reich der Saligen gegeben. Und diese hätten auch fast schon menschliche Sorgen gehabt, wie zum Beispiel Hungersnöte.

Von Saligen die nach 7 Jahren gehen müssen

In einer dieser harten Zeiten hätten sich junge Salige in die menschlichen Siedlungen gewagt und sich dort als Magd anstellen lassen. Die Bauernhöfe, in denen solche Salige arbeiteten, waren vom Glück gesegnet. Dort verlief alles wie am Schnürchen und es gab nie Streit im Hause.

Eine Salige ließ sich in der Nähe von Mals anstellen und war in erster Linie für das Vieh zuständig. Der Bauer war sehr zufrieden mit ihr, denn dem Vieh ging es sehr gut, die Kühe gaben viel Milch, viele gesunde Kälber bevölkerten den Stall, in dem nie ein Unglück passierte.

Was man auch wusste, war, dass Salige höchstens sieben Jahre außerhalb ihres Reiches leben durften. Dann würden sie heimberufen.  Im siebten Jahr holte der Bauer sie mit aufs Feld zum Kornschneiden. Er hatte so eine üppige Ernte, dass er alle Hände auf dem Hof brauchte. Auch die Salige, die sich ja ansonsten um die Kühe kümmerte, kam mit und arbeitete fleißig.

Plötzlich sah man auf einer bestimmten Höhe eine junge Frau stehen, die Folgendes ausrief:
“Stutzli-Mutzli, der Vater ist krank, du sollst heimkommen!”

Die Salige begann heftig zu weinen, legte aber sofort ihre Sichel weg und stieg den Berg hinauf. Seitdem hat sie niemand mehr gesehen.

   

Ist sie nicht schön? Diese Sage hat es mir sehr angetan. Berührend ist auch, dass diese Salige gerne an diesem Hofe war. Auch sie hat sich wohl gefühlt. Sonst hätte sie kaum “heftig geweint”. Ich stelle mir ja die Abschiedsszene so vor, dass sie nicht mal Zeit hat, sich zu verabschieden. Vielleicht schafft sie noch einen Blick zum Bauern und zu allen Menschen zu werfen, mit denen sie sieben Jahre auf dem Hof verbracht hat, aber mehr ist nicht drinnen, weil der Ruf wie ein Lasso ist, das sich um sie gezogen hat, und sie wegzieht. Derweilen schauen alle schockiert zu, wie sie das Feld eilig verlässt. Vielleicht passiert alles so schnell, dass gar niemand auf die Idee kommt, sie zurück zu halten oder ihr gar einen Abschiedsgruß nachzurufen? Wie schon gesagt, berührend … 

Die Sage enthält auch interessante Infos. Dass Salige nach 7 Jahren spätestens in ihre Heimat zurückkehren müssen, sie überall, wo sie auftauchen, Glück, Wohlstand und Harmonie bringen, das kann man auch in mehreren Sagen nachlesen. Aber von Hungersnöten im Reich der Saligen habe ich noch nie gehört. Auch der Ruf, dass der Vater krank sei, ist ungewöhnlich, denn Salige treten in den meisten Sagen als alleinstehende Frauen auf.

Ich habe diese Sage nacherzählt, nachdem ich sie in der unerschöpflichen Datenbank von sagen.at gefunden habe. Vielen Dank für die wundervolle Arbeit, die dort gemacht wird.
Aufgeschrieben hat sie im 19. Jahrhundert der Südtiroler Heimatforscher Johann Adolf Heyl, der sie einfach dem Volk “abgelauscht” haben soll.

Gewidmet sind diese Sagen zum Wochenende meinen Enkelinnen, die zum Teil weit weg wohnen oder für die ich nicht immer so viel Zeit habe, wie ich gerne möchte…

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