Die Frühlings-Tagundnachtgleiche bei den Sìdhe

März 21, 2018

Der Senf zum Mittwoch #17

Der Senf zum Mittwoch

Wenn auch alle meinen, am 21.3. ist der astrologische Frühlingsbeginn, so ist das 2018 anders. Gestern um 17:15 Uhr war es bei uns so weit: Der Zenit der Sonne hat den Äquator überquert und erreicht die Nordhalbkugel. Genau zu dieser Uhrzeit ist der Tag und die Nacht gleich lang. Der Frühling beginnt.

In meiner Reihe der „Geschichtenerzählerin“ würde ich das die Südtiroler Sagenwesen in der Anderswelt, aber natürlich auch die Sìdhe in Irland feiern lassen. Denn wahr ist, seit je her ist das ein Jahreskreisfest, das bei vielen Völkern der Erde, auch in den Alpen und in Irland, begangen wurde. Wahr ist auch, dass es auch im alten Weltbild meiner Großmutter eine Bedeutung hatte.

Im Keltischen auch als Alban Eilir bekannt, ist es ein Tag des Gleichgewichts. Nicht umsonst Tagundnachtgleiche, nicht wahr? Und dann erfolgt Aufbruchsstimmung – in den Frühling, in das Erwachen der Natur.

Das würden die Sìdhe in der Geschichtenerzählerin natürlich feiern! Schauen wir uns doch die Szene mit den Augen Menas, der Geschichtenerzählerin, an:

Beathag, die neue Dienerin Danus, woran ich mich immer noch gewöhnen muss, hat Kinnon und mich zur Frühlings-Tagundnachtgleiche eingeladen. Das Nörggele ließ es sich nicht nehmen, uns zu begleiten. Als Botschafter des Südens ist er immer ein gern gesehener Gast. Wir sind gerade im Garten der Sìdhe angekommen, als er auch schon zwinkernd auf uns zuschlendert. Ausnahmsweise hat er nicht gleich eine Frechheit auf der Zunge.

Ich würde ihm auch nicht zuhören. Zu beschäftigt bin ich, mich umzusehen. Wir stehen an einem Quell, den ich noch nie zuvor entdeckt habe. Nur schwach kommt er aus einem Felsen hervor, während rundherum zögerlich die Pflanzen hervorlugen. Ich könnte mich nicht erinnern, in diesem Garten jemals Winter erlebt zu haben, aber heute ist es anders. Die Spuren der kalten Jahreszeit sind deutlich hier zu sehen.

Das ist ein einziger Irrgarten! Entweder dieser Garten ist riesengroß oder er verändert sich jedes Mal magisch so, wie ihn die Sìdhe gerade brauchen. Zuzutrauen ist diesem irischen Elfenvolk alles.

„An Albein Eilir zum Gruße!“, beginnt Beathag, die gar nicht mehr so geheißen werden möchte. Also, die Dienerin Danus – wenn sie auch für mich immer die neue Dienerin Danus sein wird. Sie hat sich direkt am Quell aufgestellt und viele haben sich um sie herum versammelt.

Die Menge wiederholt den Gruß fast schon im Chor. Kinnon legt seinen Arm um meine Schulter und zieht mich nach vorne in die erste Reihe. Bereitwillig wird uns Platz gelassen, wie auch dem Nörggele, der sich neben mich platziert und die Hände in die Hosentaschen gesteckt hat. 

„Wir haben uns heute hier versammelt, um die Rückkehr der Göttin als Jungfrau des Frühlings zu feiern am Tage des Gleichgewichts zwischen Licht und Dunkelheit. Die Tiere erwachen aus dem Winterschlaf, die Knospen wagen sich hervor…“ Während sie spricht, kommt es mir auch so vor, als ob ich links in den Bäumen Augen aufleuchten sehen würde. War das ein Tier? Plötzlich entdecke ich auch deutlich die Pflänzchen rundherum um das Bächlein, das von der Quelle abgeht. 

„Die Göttin erwacht und spendet uns Fruchtbarkeit. Der Winter stirbt und der Frühling erwacht, Tod und Leben gehen ineinander, wechseln sich ab, denn keiner von beiden herrscht hier auf Erden ewig. Doch freut euch, es beginnt wieder die Zeit des Wachstums!“

Die Sìdhe jubeln laut.

Die Dienerin Danus erhebt noch einmal kurz die Hand, damit wieder Ruhe einkehrt. „Wir freuen uns, Kinnon, Mena und das Nörggele aus dem Süden bei uns zu haben. Auch wenn einige von uns hier fehlen…“ Sie hält an und sieht kurz zu Boden, bevor sie mit feuchten Augen fortfährt, „…so haben wir durch sie nicht nur einen Zuwachs erhalten, sondern spüren auch die Nähe zu den anderen Wesen der Anderswelt wie schon lange nicht mehr.“   

Die Menge antwortet dieses Mal weniger mit Lauten, sondern mit Kopfnicken und damit, sich an den Händen zu halten. Auch Kinnon zieht mich näher an sich heran und drückt mir einen Kuss auf den Kopf.

„Lasst uns beginnen!“, ruft schließlich die neue Dienerin Danus aus.

Junge Sìdhe-Frauen treten aus der Menge hervor. Sie halten Kränze aus Pflanzen und Kräutern in der Hand, die mir frisch gepflückt erscheinen. Eine von ihnen tritt auf mich zu und überreicht auch mir so eine Pflanzenpracht. Dankend nehme ich an, schaue aber verunsichert zu Kinnon.

„Ein Fruchtbarkeitsritual“, meint das Nörggele und verdreht schon die Augen. „Du bist weiblich. Du bist jung. Natürlich musst du da mitmachen.“

Die junge Sìdhe-Frau sieht mich lächelnd an und streckt mir die Hand entgegen. „Komm.“

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Ich sehe, wie alle anderen jungen Frauen sich am Bächlein an der Quelle niederknien. Kinnon lässt mich los und lächelt mir aufmunternd zu.

„Aber…“

„Natürlich kommt ein Aber, das hätte ich euch gleich sagen können.“ Das Nörggele schaut mich missbilligend an. „Du bist eingeladen, du hast angenommen, also machst du mit. Nix aber. Keine Sorge, du bittest schon nicht darum, dass du gleich viele kleine Babys vom Goldjungen erhältst.“

„Was…?“

Mir bleibt die Spucke weg. Er kann noch so den Entrüsteten spielen, ich sehe das Glitzern in seinen Augen. Es macht ihm unheimlich Spaß, meine noch so unbewussten Ängste ans Tageslicht zu fördern. Könnte ja sein, dass ich mit so was Kinder heraufbeschwöre und dafür bin ich nun eindeutig nicht reif. Da…

„Es geht in erster Linie um die Fruchtbarkeit der Erde. Ein wichtiges Ritual, das bei vielen Menschen in Vergessenheit geraten ist. Umso wichtiger, dass wir es begehen.“ Beathag, ich meine natürlich die Dienerin Danus, ist auf uns zugetreten. „Mit deiner Fruchtbarkeit hat es nichts zu tun, wenn du es nicht möchtest.“

Gut, wenn das geklärt ist…

Die junge Sìdhe-Frau nimmt mich bei der Hand und ich knie mich mit ihr zusammen am Bächlein nieder. Alle heben ihre Kränze über das Wasser. Ich folge ihrem Tun.

„Liebe Göttin des Winters, verlasse uns milde, bis es wieder Zeit für dich ist, wiederzukommen“, ruft Beathag hinter uns laut.

Die Sìdhe-Frauen wiederholen den Satz und mittendrin stimme ich mit ein. Dann lassen sie ihre Kränze einen nach dem anderen ins Wasser fallen und ich den meinen, sobald ich an der Reihe bin. Wie auch die anderen schöpfe ich mit den Händen das eiskalte Wasser und benetze mein Gesicht damit. Es ist unheimlich belebend.

„Möge der Frühling seine ganze Kraft entfalten!“, höre ich im Hintergrund wieder Beathag rufen.

Dieses Mal wiederholt das ganze Volk diesen Satz. Ich spüre direkt die Macht, die davon ausgeht.

Als ich mich erhebe, reicht Kinnon mir einen Becher. Ich liebe die köstliche Flüssigkeit, die die Sìdhe an ihren Festen trinken. Wie üblich setzt die Musik ein und es beginnt das Fest. Wir stoßen mit Beathag und vielen anderen an. Aonghus, Selina und Kilian gesellen sich zu uns. Als Aonghus Selina auffordert, mit ihm zu tanzen, lächelt mich Kinnon an.

„Zuerst ich.“ Plötzlich steht das Nörggele neben mir. „Bevor ihr zwei Turteltäubchen euch den ganzen Abend in den Armen wiegt, bin ich dran.“

„Du könntest auch nur höflich fragen“, grinse ich ihn an.

„Ach ja?“

„Mhm.“

„Und du hättest ja gesagt?“ Ungläubig blickt er mich an.

„Wieso denn nicht?“

„Weil ich immer so garstig bin?“

Ich gebe ihm einen Kuss auf die Wange. „Ich weiß doch, wie du bist.“

Das Nörggele errötet und schaut mich verdattert an. Mit Verspätung hüpft er erschrocken zurück. Er räuspert sich und richtet sich den Kragen der Jacke.

„Ich habe es mir anders überlegt. Das war jetzt eindeutig genug Nähe für heute!“

Während er kopfschüttelnd vor sich hinmurmelnd in der Menge verschwindet, prusten alle los. Selbst Beathag kann sich das Lachen nicht verkneifen. Wir begeben uns alle auf die Tanzfläche, um uns nach der Musik zu bewegen und den Frühlingsbeginn zu feiern. Ich spüre Aufbruchsstimmung in mir und freue mich auf das Leben, das mit Kinnon und allen meinen Freunden in der Anders- und in der realen Welt auf mich wartet.  

6 Antworten auf Die Frühlings-Tagundnachtgleiche bei den Sìdhe

  • Mmmhh…ei e wunderbare Andersweltgeschichte. Könnte sich glatt so zugetragen haben.
    Alles Liebe
    Karin

    • Hallo Karin,
      vielen Dank für Dein Feedback. Auf alle Fälle. Ich versuche immer, das, was ich in Erfahrung gebracht habe, in meiner Geschichte umzusetzen… Schön, wenn Dir die Bilder dazu aufgestiegen sind.

  • Liebe Stella, ich bin ja von Anfang an ein treuer Leser deiner Mittwochskolumne, die ich niemals so respektlos „Senf“ nennen würde. Diese hier aber, die hat es mir angetan. Genau an dem Tag, da wir alle das Erwachen des Frühlings und der Natur herbeisehnen, beschreibst du eine Szene, die direkt aus „Erwachen“, dem dritten Band deiner „Geschichtenerzählerin“, herausgenommen sein könnte. Die so viel Freude und Zuversicht verbreitet und die natürlich auch Erwartungen weckt, denn Mena spürt, wie sie es ausdrückt „Aufbruchstimmung“. Aufbruch wohin? Zunächst einmal in den Frühling, alles andere wird sich fügen.
    Man kann es schon ahnen, das blaue Band, das der Frühling durch die Lüfte flattern lässt. Und die Veilchen, die schon träumen und bald kommen wollen. Das Foto mit dem Schmelzwasser und dem grünen Zweig erzählt ebenfalls davon.
    Vielleicht ist ja dieser siebzehnte Mittwochssenf auch der Aufbruch in eine neue Form, wie diese Kolumne sich präsentiert. Mir würde das gefallen, denn es hat gepasst. Zu diesem Tag und zu den Erwartungen. Wir werden sehen was kommt…

    • Hallo Roger,
      wie sich das liest:“treuer Leser deiner Mittwochskolumne“. Ja, die Aufbruchsstimmung ist in den Frühling, aber auch Vorfreude auf ihr Leben mit Kinnon…
      Die Szene hier ist aufgebaut auf die Imbolc- bzw. Lichtmess-Szene bei den Sìde in „Erwachen“, genau erkannt!
      Ich hoffe, ich kann Deinen Erwartungen gerecht werden, aber ja, der Senf zum Mittwoch wird sich wieder stark um das Geschichten erzählen, die Anderswelt, die Sagen, etc. drehen… Das ist es, was Stella Jante ja ausmacht, nicht wahr?

      • Da kann ich nur zurückgeben „genau erkannt“. Mena die Geschichtenerzählerin, die Dienerin Danus, Selina, Angie, und mein schwedischer Liebling Linnèa und andere mehr, alle verkörpern für mich Stella Jante, das macht sie aus. Wenn also der Senf zum Mittwoch sich zukünftig zu solchen Motiven gereicht wird, freue ich mich zukünftig schon am Dienstag darauf.

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